Klinische Bedeutung der Parvovirus B19-Infektionen
Parvovirus B19, 1975 in Blutspenderseren entdeckt, ist strikt humanpathogen. Ihre Replikation findet bevorzugt in hämatopoetischen Vorläuferzellen statt. Die B19-Infektion tritt weltweit auf und kann in Mitteleuropa als endemisch bezeichnet werden.
Die Prävalenz von Antikörpern gegen B19 (Anti-B19-IgG) nimmt mit dem Alter zu und beträgt bei Erwachsenen in Deutschland etwa 50 %.
In einer Studie aus Deutschland wurde gezeigt, daß frische B19-Infektionen (Anti-B19-IgM) in allen Altersgruppen auftreten. Am häufigsten ließen sich akute Infektionen bei 6 bis 15jährigen nachweisen (s. Abb.).
Der Übertragungsmodus dieser Viren ist die Tröpfcheninfektion. Auch durch Blut oder Blutprodukte kann B19 übertragen werden. Typisch für B19-Infektionen ist der epidemische Charakter.
Häufig kommt es zu Kleinraumepidemien in Kindergärten, Schulen oder Familien. Auch über B19-Infektionen, die im Krankenhausbereich von Patienten zu Patienten oder zu medizinischem Personal erfolgten, wurde berichtet.
Die Inkubationszeit beträgt 13 - 17 Tage, und B19-Viren können zwischen dem 3. und 16. Tag im Serum des Patienten nachgewiesen werden. In der Prodomalzeit können Kopfschmerzen, Juckreiz, Myalgien und Fieber auftreten.
In den letzten Jahren konnten eine Reihe von Erkrankungen mit einer akuten B19-Infektion assoziiert werden. Am häufigsten verursacht B19 das Erythema infectiosum (Ringelröteln).
Das Exanthem der typischen Ringelröteln beginnt in der Regel mit einer intensiven Rötung und Schwellung der Wangen, die sich zu den Ohren hin abschwächt. Auf der Stirn und in der Ohrengegend finden sich einzelne große Flecke von lividroter Farbe.
Das Exanthem greift danach auf die Streckseiten der Arme, auch auf das Gesäß und Beine, über. Am stärksten betroffen sind dabei die Extremitäten. Charakteristisch ist die netzig-girlandenförmige Konfiguration des Exanthems.
Der Rumpf ist wenig betroffen, die Schleimhäute bleiben frei, auch können Hand- und Fußflächen befallen sein.
Die Dauer des Exanthems kann 6 - 21 Tage betragen und kann wellenförmig abklingen. Neben dem Exanthem werden häufig Lymphknotenschwellungen und grippale Symptome beobachtet.
Bedeutsam ist, daß sich klinisch insbesondere Röteln nur schwierig von Ringelröteln abgrenzen lassen, so daß in solchen Fällen nur mittels serologischer Untersuchung (Anti-B19-IgM/-IgG) eine Diagnose möglich ist. Gerade bei Erwachsenen verlaufen Ringelröteln meist mit atypischem Exanthem.
Von besonderer Bedeutung sind die mit einer B19-Infektion einhergehenden Arthralgien oder Arthritiden, die insbesondere die kleinen Gelenke betreffen. Bei diesen Patienten kommt es zu einem plötzlich einsetzenden, symmetrischen Befall der Finger-, Hand- und Sprunggelenke, mit zum Teil bis zu mehreren Monaten bestehenden Gelenkschmerzen mit Einschränkung der Beweglichkeit.
In solchen Fällen kann die klinische Abgrenzung zur chronischen Polyarthritis schwierig sein. Auch wurde über Fälle berichtet, bei denen es nach einer B19-Infektion zu einer juvenilen chronischen Polyarthritis gekommen ist, wobei in diesen Fällen B19 möglicherweise als "Trigger" wirkte.
In der Differentialdiagnose muß auch die sero-negative Lyme-Arthritis gegen eine akute B19-Infektion abgegrenzt werden, da sich beide Erkrankungen im klinischen Bild ähneln können.
Die B19-Infektion kann beim gesunden Menschen zu einer bis zu 4-wöchigen Inhibition der Erythropoese führen, die meist jedoch subklinisch bleibt. Anders dagegen führt die akute B19-Infektion beim Patienten mit einer chronisch-hämolytischen Anämie zu einer aplastischen Krise.
Berichtet wurden in den letzten Jahren Fälle von durch B19 verursachten aplastischen Krisen bei Patienten mit Sichelzellanämie, Thalassämie, Sphärozytose, Pyruvat-Kinase-Mangel, autoimmun-hämolytischer Anämie und hyperregenerativem Knochenmark nach Blutungen. Grundsätzlich können aplastische Krisen bei Patienten mit verminderter Erythrozytenüberlebenszeit auftreten.
Bei Patienten mit hereditären oder erworbenen Immunmangelsyndromen, wie z. B. Nezelof's Syndrom und akuter lymphatischer Leukämie kann die B19-Infektion chronisch verlaufen und zu einer chronischen Knochenmarksaplasie führen.
Die bei AIDS-Patienten beschriebene "pure red cell aplasia" wird ebenfalls durch eine chronische B19-Infektion hervorgerufen.
In der Schwangerschaft kann die B19-Infektion diaplazentar auf den Feten übertragen werden und führt dort in etwa 12 % der Fälle zu einem Hydrops fetalis mit resultierendem intrauterinen Fruchttod. B19-assoziierte Aborte können zu jedem Zeitpunkt in der Schwangerschaft beobachtet werden und treten am häufigsten zwischen der 20. und 28. Schwangerschaftswoche auf.
Ursächlich werden bei der fetalen Infektion Erythroblasten infiziert, wodurch es zu einer Anämie, verbunden mit generalisiertem Aszites, kommt. Der Fetus verstirbt dann in der Regel an einer kardialen Dekompensation. Embryopathien wurden bisher nicht beobachtet.
Die akute B19-Infektion kann auch mit einer Purpura Schönlein-Henoch einhergehen. In der Regel kommt es bei diesen Patienten nicht zum Erythema infectiosum. Des weiteren wurde über eine Assoziation der B19-Infektion als Kasuistik bei verschiedensten Erkrankungen,
wie der Pseudoappendizitis, Koxitis, Enteritis, Myokarditis, brachialen Plexusneuropathie und Erythema nodosum berichtet. Akute B19-Infektionen können auch asymptomatisch verlaufen.
Blutkonserven werden derzeit nicht auf B19-Viren untersucht. Da B19-infizierte Personen im virämischen Stadium der Infektion meist asymptomatisch sind, können so B19-Virus-positive Blutkonserven unbemerkt gespendet werden.
Untersuchungen in Deutschland und Frankreich zeigten eine Inzidenz von B19-Virus-positiven Blutkonserven von etwa 0,01 bis 0,03 %.
Eine Transfusion von B19-Virus-positivem Blut sollte auf jeden Fall bei Schwangeren, Patienten mit chronisch-hämolytischer Anämie, Knochenmarkstransplantierten oder Patienten mit angeborenem oder erworbenem Immundefekt vermieden werden.
Da der Nachweis von B19-Antigen aufwendig ist, sollte für diese Risiko-Patienten nur Blut bereitgestellt werden, das auf Anti-B19-IgG getestet worden ist. Anti-B19-IgG-positive Blutkonserven enthalten in aller Regel kein B19-Virus mehr.
Aufgrund deer verschiedenen Manifestationsformen der B19-Infektion ist es für den Arzt notwendig, eine akute B19-Infektion serologisch zu bestätigen oder auszuschließen. Die Diagnostik der B19-Infektion erfolgt durch sensitive und spezifische Enzymimmunoassays (ELISA), die selektiv Anti-B19-IgM bzw. Anti-B19-IgG nachweisen.
Der Nachweis von Anti-B19-IgM spricht für eine frische B19-Infektion. Anti-B19-IgM kann frühestens am Ende der 2. Woche bis etwa 3 - 5 Monate nach der Infektion nachgewiesen werden. Anti-B19-IgG tritt frühestens am Ende der 3. Woche nach der Infektion auf und persistiert vermutlich zeitlebens.
Der Nachweis von B19-Antigen oder -DNA spielt in der Diagnose meist keine Rolle, da die Patienten im virämischen Stadium der B19-Infektion meist noch ohne Beschwerden sind. Deshalb liegt das Hauptgewicht der Infektionsdiagnostik im Nachweis von B19-spezifischen Antikörpern (Anti-B19-IgM und -IgG).
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Dr. B. Ziegler - Facharzt für Laboratoriumsmedizin - Transfusionsmedizin - Umweltmedizin
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