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  Infektionsserologie

Vorgehen bei Nadelstichverletzungen mit infektiösem Material


Nadelstichverletzungen stellen das größte Risiko für beruflich bedingte Infektionen im medizinischen Bereich dar. Ihre Handhabung sollte allen Ärzten und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vertraut sein. Von besonderer Bedeutung sind die Sofortmaßnahmen.

Für eine Übertragung durch Blut sind relevant Viren (Hepatitis B, Hepatitis C, HIV) Bakterien und Pilze.


Prävention

Medizinisches Personal sollte gegen Hepatitis B geimpft sein. Laufende Kontrollen des Impfschutzes sind unerläßlich.

Es ist die Aufgabe des Trägers der medizinischen Einrichtung, die notwendigen Informationen und Mittel zum Schutz der Mitarbeiter/-innen bereitzuhalten.

Jede Stichverletzung, am häufigsten mit Kanülen, kann infektiöses Material in den Stichkanal einbringen und erfordert unverzügliches Handeln.

Jede Stichverletzung penetriert den schützenden Handschuh.

Jede Stichverletzung sollte unter allen Umständen vermieden werden.

Vorgesetzte haben zur Prävention von Unfällen eine besondere Aufsichtspflicht.

Alle Maßnahmen nach einer Verletzung müssen geübt sein.

Ungeordnete Arbeitsweise schafft eine besondere Unfallgefahr.

Alle Transportmittel für biologische Proben müssen Sicherheit bieten.



Jedes Material von Patienten im Labor, auf Station, in der Praxis kann infektiös sein!

Sofortmaßnahmen


Die Wirksamkeit eines Blutstaus durch Abbinden zur Infektionsverhinderung ist unklar und unsicher. Durch Vakuumsaugvorrichtung kann die Spülung des Stichkanals verbessert werden.

Blutung anregen, um möglichst alles Fremdmaterial aus dem Stichkanal zu entfernen. Dauer 1  bis 2 min.

Zur Desinfektion den Stichkanal spreizen, um eine Tiefenwirkung des Mittels zu erreichen. Dauer der Desinfektion 2 bis 4 min.

Die Effektivität der Desinfektionswirkung kann nur am Schmerz gemessen werden. Es muß weh tun! Alkoholische Desinfektionsmittel sind zu bevorzugen

Abschätzen der Infektionsgefahr nach der Anamnese der Infektionsquelle, der Art und der Menge des eingebrachten Materials.

Vor einer medikamentösen oder serologischen Prophylaxe ist beim Verunfallten und möglichst auch bei der Infektionsquelle eine Blutprobe zum Nachweis von Hepatitis B-, Hepatitis C- und HIV-Markern abzunehmen.

Diese Blutproben sind besonders wichtig, um den Zusammenhang einer eventuell später entdeckten Serokonversion mit dem Unfallgeschehen zu belegen. Dies ist besonders wichtig für die Unfallversicherung.

Kontrolluntersuchungen sind nach 3, 6 und 12 Monaten durchzuführen.

Die Kosten hierfür übernimmt die Unfallversicherung/Berufsgenossenschaft. Sie sind keine Leistung der gesetzlichen Krankenkasse!

Dokumentation aller Maßnahmen



Viren

Hepatitis B


Wenn keine ausreichende Immunität bekannt ist, d. h. wenn nicht positiv bekannt ist, daß der Anti-HBs-Titer > 10 IU beträgt, ist eine Nachimpfung erforderlich. Im Zweisfelsfall kann eine Schnellbestimmung des Anti-HBs durchgeführt werden.

Bei Nicht-Hep-B-Geimpften oder Personen mit unzureichendem Immunschutz ist eine Simultanimmunisierung, bestehend aus Anti-Hepatitis-B-Hyperimmunglobulin und Hepatitis-B-Impfstoff (seitengetrennt anwenden,  k e i n e  Mischspritze!) durchzuführen.


Hepatitis C

Gegen Hepatitis C ist weder ein Impfstoff noch ein Hyperimmunglobulin noch eine medikamentöse Prophylaxe vorhanden. Hepatitis-B-Impfstoff oder -Hyperimmunglobulin oder andere Immunglobulinpräparate sind bei Hepatitis C wertlos.


HIV

Ein schützendes Hyperimmunglobulin oder ein Impfstoff existieren noch nicht. Dagegen kann eine medikamentöse Prophylaxe durchgeführt werden, welche das Eindringen der Viren in die Zielzellen und ihre Vermehrung in denselben verhindern soll. Naturgemäß ist eine frühzeitige Prophylayxe wirksamer als eine späte. Beginn der Prophylaxe später als 12 h nach dem Unfallereignis wird als sinnlos angesehen!

Jede Prophylaxe ist nur ein nachträglicher Versuch, eine Infektion und damit eine lebensgefährliche Erkrankung zu verhindern. Eine Garantie für den Erfolg gibt es nicht. Daher ist die beste Prophylaxe die Prävention!

Die medikamentöse Prophylaxe sollte auf mehreren Ebenen (Transcription des Virus-Erbguts, Neubildung von Viren) erfolgen, um auch bei Entwicklung von Resistenzen eine Wirkung aufzuweisen. Es wird empfohlen, mehrere Wirkstoffe zu kombinieren:

AZT + 1 weiterer Hemmer der reversen Transcriptase + 1 Proteasehemmer


Allerdings werden Kombinationen von AZT und D4T bzw. von DDI und DDC sowie von IDV und RTV nicht empfohlen.

Von Bedeutung ist bei der medikamentösen Prophylaxe:

Regelmäßige Einnahme (3 x täglich = 8-stündlich, 2 x täglich = 12-stündlich! Gegebenenfalls nach Zeitplan!). Abweichungen z. B. wegen Vergessens tragen stark zur Entwicklung von Resistenzen bei.

Ausreichende Dauer der Einnahme: mindestens 3 Wochen!


Hemmer der reversen Transciptase


Substanz
Kürzel
Präparat
Dosis/Tag
Ziduvidin AZT Retrovir 3 x 200 mg
Lamivudin 3TC Epivir 2 x 250 mg
Zalcitabin DDC Hivid 2 x 150 mg
Didanosin DDI Videx 3 x 0,75 mg
Staduvin D4T Zerit 2 x 40 mg
Nerivapin NVP Viramune 1-2 x 200 mg
Delavirdin DLV Rescriptor 3 x 400 mg


Proteasehemmer


Substanz
Kürzel
Präparat
Dosis/Tag
Sequinavir SQV Invirase 3 x 600 mg
Indinavir IDV Crixivan 3 x 800 mg
Ritonavir RTV Norvir 2 x 600 mg
Nelfinavir NLV Viracept 3 x 750 mg


Die Kombinationsbehandlung kann unerwünschte Nebenwirkungen mindern, ist allerdings mit Unbequemlichkeit verbunden. Da es aber um die Sicherheit des Verunfallten geht, haben Rücksichten auf Emotionen, Aversionen gegen Medikamente, Risikoabwägungen, Kosten-Nutzen-Überlegungen und ähnliche Hemmnisse zurückzustehen. Dies umso mehr, als die Kosten der Prophylaxe sehr hoch sind. Überzeugen Sie daher Ihre Mitarbeiter/innen davon:

Die medikamentöse Prophylaxe ist kein Spaß, sondern notwendig!

Die Motivierung des Unfallopfers, die Prophylaxe auch tatsächlich durchzuführen, kann somit lebensrettend sein.

Wegen der hohen Kosten der Prophylaxe empfehlen wir, daß Unffallopfer die nicht aufgebrauchten Medikamente nicht wegwerfen sollen, sondern als "Sofort-Ration" der Einrichtung zur Verfügung stellen.


Bakterien

Übertragung von Bakterien durch Blut (also nach Kanülenstich) ist von untergeordneter Bedeutung. In Frage kommen vor allem Mycobacterien (Tuberculose, z. B. bei AIDS-Patienten), Borrelien und Treponemen.

Von erheblich größerer Bedeutung ist die Übertragung von Umgebungskeimen oder Bakterien von der Hautoberfläche. Auch nach einer sachgerechten Desinfektion ist daher die Wunde zu beobachten und gegebenenfalls chirurgisch zu behandeln.


Pilze

Die meisten Pilze sind für eine Übertragung über Blut nicht relevant, mit Ausnahme von Cryptococcus neoformans bei immunsupprimierten Patienten.

Prophylaxe der Cyryptococcose: Zügige Gabe von Fluconazol 400 mg/Tag für 6 Tage.

Das Beste, was man aus einem Unfallereignis lernen kann, ist, Konsequenzen aus dem Unfallhergang zu ziehen, so daß eine Wiederholung nicht möglich wird.


Für Vollständigkeit und Richtigkeit dieser Information kann keine Gewähr übernommen werden. Sie basiert auf dem Wissensstand zum Zeitpunkt der letzten Überarbeitung.

Quelle: Prof. Dr. L. Gürtler, Max v. Pettenkofer-Institut, München 9/1998


Für Rückfragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung. Bitte nutzen Sie für Anfragen bevorzugt die Möglichkeiten eines E-Mail. Ernstgemeinte E-Mail-Anfragen werden baldmöglichst beantwortet. Das kann u.U. aber etwas dauern, ich bin ja schließlich auch mal unterwegs

Dr. B. Ziegler - Facharzt für Laboratoriumsmedizin - Transfusionsmedizin - Umweltmedizin
Tel.: 0172 6361278   E-Mail: Ziegoe@aol.com

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