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Gifttiere - Schlangen, Spinnen, Skorpione: Verhalten in den Tropen


Übersicht

Wesentliche oder sogar tödliche Zwischenfälle durch Gifttiere in den Tropen sind im Rahmen des diplomatischen Dienstes oder bei Reisenden eine Rarität. Andererseits kann (praktisch immer durch Fehlverhalten bedingt) täglich ein bedrohlicher Notfall entstehen. Da die Gefährdung durch seltene Ereignisse im Alltag oft unterschätzt werden, hier einige Ratschläge aus tropenmedizinischer Sicht.


I. Mensch und Gifttiere allgemein

Gifttiere, die primär aggressiv den Menschen bedrohen, spielen praktisch keine Rolle. Eine gesundheitliche Bedrohung durch Bisse bzw. Stiche kommt fast ausschließlich in Situationen zustande, in denen sich auch das Gifttier bedroht fühlt. Hierzu zählt vor allen Dingen die überraschende Begegnung, bei der keine Gelegenheit zur Flucht gesehen wird.

Schlangen, Spinnen und Skorpione haben ihre eigentümliche Lebensräume, in denen mit ihnen gerechnet werden sollte. Der Europäer in den Tropen muß lernen, dieses Wissen um das Verhalten von Gifttieren im alltäglichen eigenen Verhalten zu nutzen.

Ist ein Biß oder Stich erfolgt, sollte zur optimalen Hilfe und evtl. notwendigen Therapie das Gifttier gefangen werden, damit eine Artdiagnose durch den Fachmann möglich ist.

Den Umgang mit noch lebenden Gifttieren sollte man den jeweils Einheimischen überlassen, da sie in der Regel über bessere Fertigkeiten und Kenntnisse hierzu verfügen (gilt auch für Europa).


II. Allgemeine prophylaktische Maßnahmen

Nie im Dunkeln ohne Taschenlampe laufen - viele Gifttiere (die meisten Schlangen) sind Nachttiere!

Nie auf entdeckte Gifttiere zugehen - damit wird eine Bedrohung evtl. erst ausgelöst

Alle Bewegungen, Griffe etc. im Alltagsleben unter Sichtkontrolle durchführen (z. B. nie "blind" mit der Hand im Schrank nach einem Gegenstand suchen; geschlossene Schuhe vor Benutzung ausschütteln!)

Konsequente Beseitigung besonders des Küchenabfalls - Schlangen leben von Mäusen, Mäuse leben von Abfall

Mückennetz bzw. Fliegengitter an den Fenstern, möglichst dichtmaschig und ohne Defekte - der Zugang von Insekten und Spinnen wird so erschwert

Bei Touren im Gelände fest auftreten, größere Bäume, auch Büsche meiden (Baumschlangen sind fast alle giftig), kletternde Kinder !!!

Bei Ausflügen bzw. Bewegung in der Natur festes Lederschuhwerk bis über die Knöchel tragen (90 % der Schlangenbisse sind an oder unter dem Knöchel lokalisiert)

Gestaltung des Gartens: möglichst kurzgeschorener Rasen, wenig Büsche, wenig Feuchtigkeit

Keine Panik nach Schlangenbiß: nur ca. 2,5 % der Schlangenbisse haben tödlichen Ausgang. Voraussetzung dafür ist: vernüftiges Verhalten, richtige Therapie.

Nie auf der Erde schlafen! Kleidungsstücke, Schuhe, Nahrung auf der Erde locken Skorpione und Spinnen auch Schlangen an!

Nie eine "tote" Schlange anfassen!

Am Strand und im Wasser:

- Gummischuhe, Plastiksandalen, Turnschuhe! (Seeigel, Stiche giftiger Fische)

- Möglichst Schwimmen statt Waten!

- Nicht Baden nach Stürmen (Quallen!)

- Niemals folgende Meeresfrüchte essen:

   » auffällig gefärbte und geformte Fische
   » schuppenlose Fische
   » Haut und Innereien von Fischen

- gestrandete Meerestiere nie anfassen


III. Erste Hilfe nach Biß bzw. Stich

Beruhigung des Patienten (Aufregung schadet direkt!)

Spülung der Bißstelle, kein Einschneiden, kein Ausbrennen

Schmerzmittel

Transport zum nächstgelegenen Hospital mit Schlangenserumdepot (den Weg von zu Hause zum entsprechenden Hospital an seinem Dienstort sollte jeder gut kennen bzw. mindestens einmal selber fahren!)

Abbinden von Arm oder Bein nur, wenn Transport länger als 30 Minuten veranschlagt wird. Uhrzeit beim Abbinden notieren (z. B. mit Kugelschreiber auf die Haut). Alle ½ Stunde Binde 10 - 20 Sekunden lockern.

Antiserum: Einsatz nur im Krankenhaus, nur vom Arzt, nur wenn eindeutig sinnvoll! Es hat auch durch den Einsatz von Serum tödliche Zwischenfälle bei Patienten gegeben.

Während des Transportes sollte sich der Patient so wenig wie möglich bewegen.


Merke: Gifttierregeln

  1. Schlangenbisse, Stiche durch Gifttiere sind in der Regel vermeidbar! (Fehlverhalten des Menschen, fehlende prophylaktische Maßnahmen!)

  2. Ein Notfall tritt immer selten und immer überraschend ein!

  3. Das Gefährlichste ist das Verdrängen dieser Risiken!

  4. Antiseren sind keine Allheilmittel, nur im Einzelfall und ausschließlich durch den Arzt eine evtl. sinnvolle, vertretbare Therapie!

  5. Jeder Gifttierpatient muß zum Arzt!


Anhang zum Merkblatt "Gifttiere"/spezielle Informationen

  1. Krankenhäuser

    Folgende Kontrollen sollten dort vorgenommen werden:

    Stündliche Puls- und Atemfrequenzkontrolle

    Messung der Schwellung (Durchmesser, bei Extremitäten: Umfang)

    Wiederholte Untersuchung auf spontane Blutung ohne aktuelle Verletzung

    Beobachtung und schriftliches Fixieren von Hautveränderungen an der Bißstelle (Blasen, Verfärbung, Geruch)

    Messung der Urinausscheidung (Menge, Uhrzeit)

    Beobachtung von Nervenschäden (besonders bei Vipern wie Sandrasselotter, Hornviper, Puffotter), z. B. Augenlidschwäche, Sprach-, Schluck- und Atemschwierigkeiten sowie Erbrechen

    Ärztliche Kontrolle von Blutwerten wie Gerinnungszeit, Hämoglobin, Leukozytenzahl, Harnstoff im Serum, Leberwerten , Kreatininkinase, EKG


  2. Hinweise für den Arzt

    Überwachung wie oben beschrieben

    Gabe von Antivenin (Serum) sorgfältig abwägen, besonders bei evtl. Allergie gegen diese Eiweißstoffe, da sonst bedrohliche Nebenwirkungen der Therapie schlimmer sein können als die Folgen der Giftwirkung.

    Bei Gabe von entsprechenden Sera müssen folgende Medikamente griffbreit liegen:

    » 2 x 1,0 ml Adrenalin-Injektion 1:1.000 Verdünnung
      (z. B. Suprarenin + NaCI-Lösung)

    » 5,0 ml Antihistamin-Injektion, z. B. Tavegil zur intravenösen Gabe

    » 100 mg Prechison (Cortison), z. B. Soludecordin zur intravenösen Gabe

    Eine sofortige Intubation zur evtl. Beatmung sollte möglich sein.

    Sind diese Voraussetzungen erfüllt, kann das entsprechende (!) Serum langsam und stufenweise gegeben werden, z. B. 50 ml Schlangenserum in 500 ml 0,9 %ige Kochsalzlösung (Ringerlösung) oder 5 %iger Glucoselösung (beides also eine 1:10 Verdünnung).

    Die ersten Milliliter werden langsam infundiert, mögliche Nebenwirkungen auf das Serum registriert (z. B. Schwitzen, schneller Puls, Erbrechen, Unruhe, auch Blutdruckabfall).

    Bei Eintreten dieser Zeichen soll die Infusion unterbrochen werden und vom Arzt Adrenalin (s. o.) in einer 1:1000 verdünnten Lösung fraktioniert (evtl. bis 1,0 ml gegeben werden). Möglicherweise kann dann die Infusion des Antiserums fortgesetzt werden.

    Die benötigte Menge des Antiserums ist von Fall zu Fall sehr verschieden und kann im Einzelfall bis zu über 100 ml erreichen. Die Gabe des richtigen Antiserums kann auch noch Stunden bis Tage danach sinnvoll sein.

    Kinder benötigten grundsätzlich die gleiche Menge Serum wie Erwachsene.


  3. Giftwirkungen einiger häufiger Schlangenarten

    Entscheidend ist:

    Menge des Giftes
    Stelle des Stiches bzw. Bisses
    Allgemeinzustand des Patienten

    Schlangenart
    An der Bißstelle
    Allgemein
    Elapiden (Kobras, Kraits, Micurus) Schwellung, Schmerzen, evtl. auch symptomlos Nervensystem (auch Herz, bei Kobra)
    Vipern Schwellung starker Schmerz Gelenkschmerzen, Blutung, Gerinnungsstörung, Kreislaufversagen
    Hydrophiiden (Seeschlange, alle sind giftig) kein Symptom! Muskelgift - Lähmung, Atemstillstand
    Crotoliden (Klapperschlangen, Grubennattern)

    - Crotolus



    - Bothrops

    - Lachesis




    starke Schmerzen, Übergang zur Gefühl-
    losigkeit

    starke Schmerzen

    Gewebezerstörung




    Nervengift



    Eiweißvergiftung

    Blutgerinnungsstörung



  4. Giftwirkungen einiger häufiger Meerestiere


    Meerestier
    Allgemein
    Maßnahmen
    Quallen Nesselzellen an langen Fäden! Verätzung und allgemeine Vergiftungssymptomatik, selten (Pazifik, auch Atlantik und Mittelmeer) tödlich. a) Reste des Tieres von der Haut entfernen (nicht mit bloßen Händen!)

    b) Genesselte Stellen trocken tupfen

    c) Sonnencreme auftragen

    d) Antihistaminika anwenden (Salbe, Tabletten)

    e) In schweren Fällen zum Arzt
    Seeigel Meist an felsigen Meeresküsten; lang-stachelige Arten (Stachellänge bis zu 30 cm) sowie sehr kurzstachelige sind giftig a) Bei oberflächlich sitzenden Stacheln: Fußsohle mit Heftplaster überkleben; nach 24 Stunden entfernen und so oft als nötig wiederholen

    b) Bei tiefer sitzenden Stacheln: Entfernung durch den Arzt
    Kegelschnecken In den Tropen, kegelförmiges Gehäuse, Aussehen wie Muscheln, Giftwirkung über Stachel mit lähmender Wirkung  
    Giftige Fische In allen Meeren, zumeiste Bodenbewohner (nie waten!); Giftstich sehr schmerzhaft, selten tödlich a) Sofortiges Spülen der Wunde mit Meerwasser, Stachel bzw. Hautreste entfernen.

    b) Betroffene Gliedmaße während mindestens 30 Min. in möglichst heißes Wasserbad legen; In schwereren Fällen auf dem Weg zum Arzt möglichst Heißwasserbehandlung auf dem Transport fortsetzen, nicht einschneiden, nicht abbinden.


Für Rückfragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung. Bitte nutzen Sie für Anfragen bevorzugt die Möglichkeiten eines E-Mail. Ernstgemeinte E-Mail-Anfragen werden baldmöglichst beantwortet. Das kann u.U. aber etwas dauern, ich bin ja schließlich auch mal unterwegs

Dr. B. Ziegler - Facharzt für Laboratoriumsmedizin - Transfusionsmedizin - Umweltmedizin
Tel.: 0172 6361278   E-Mail: Ziegoe@aol.com

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