Alkohol ist die Substanz, die nch heutiger Kenntnis am häufigsten Fehlbildungen in der Schwangerschaft verursacht. Vor 20 Jahren wurde erstmals vermutet, daß Alkoholismus in der Schwangerschaft zu einer spezifischen Kombination von Fehlbildungen, dem "fetalen Alkoholsyndrom" führen kann.
Die betroffenen Kinder sind sowohl körperlich als auch geistig-intelektuell und in ihrer sozialen Reifung beeinträchtigt. In Deutschland werden jährlich etwa 2000 Kinder mit dieser Kombination von Fehlbildungen geboren, nicht gerechnet die gering ausgeprägten Formen einer Alkoholschädigung, die sich z.B. nur als Konzentrationsstörungen bemerkbar machen. Naturgemäß ist die Dunkelziffer hoch und nicht abschätzbar.
Wie wirkt sich Alkohol schädigend auf das Kind aus?
Alkohol (genauer gesagt Äthanol bzw. Äthylalkohol) wird nach dem Trinken rasch aus Magen und Darm ins Blut aufgenommen. Maximale Konzentrationen werden im Blut 1 bis 2 h nach dem Trinken erreicht.
Zu 90 % wird Äthanol in der Leber verstoffwechselt, wobei als Zwischenprodukt u.a. Acetaldehyd entsteht.
Sowohl Äthanol als auch Acetaldehyd gelangen über die Placenta in das ungeborene Kind und führen dort zu einer Schädigung der kindlichen Zellen und Organe.
Wirkung auf Gehirn und geistige Entwicklung
Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft ist eine der häufigsten Ursachen für eine Verzögerung der geistigen Entwicklung bei Kindern. Kinder von alkoholkranken Müttern zeigen im Durchschnitt eine schwächere Leistung bei Intelligenztests.
Fast 90 % der Kinder mit einem Alkoholschaden sind minderbegabt, die meisten von ihnen besuchen eine Schule für Lern- oder Geistigbehinderte. Sie sind im allgemeinen auch weniger aufmerksam und zappeliger als andere Kinder. Die letztere Beobachtung macht man auch bei Kindern von Müttern mit einem mittelgradigen, sozial noch nicht in Alkoholismus eingestuften Trinkverhalten.
Schwer alkoholgeschädigte Kinder können bereits bei der Geburt einen zu kleinen Kopf haben, meist bleibt er aber erst später in der Größenentwicklung zurück. Solche Kinder sind oft in ihrer geistigen Entwicklung zurückgeblieben, auffällig übererregbar und -aktiv und zeigen Muskelschwäche, Reflexarmut und unkoordinierte Bewegungen. Nicht selten entwickeln sich Krampfleiden. Verhaltensstörungen sind nicht ungewöhnlich.
Wirkung auf andere Organe
Als "fetales Alkoholsyndrom" bezeichnet man eine spezifische Kombination von Fehlbildungen und Entwicklungsauffälligkeiten bei Kindern alkoholkranker Mütter. Dazu werden zum einen die bereits erwähnten Auffälligkeiten der Kopfwachstums und der geistigen Entwicklung gezählt. Zum anderen können folgende Auffälligkeiten auftreten:
Minderwuchs, niedriges Gewicht, wenig Unterhautfettgewebe
Auffälligkeiten im Gesichtsbereich, z. B. Falte am Augeninnenrand, verkürzter Nasenrücken, schmales Lippenrot, Gaumenspalte, fliehendes Kinn
Auffälligkeiten an Armen und Beinen, z. B. Verkürzung des Kleinfingers, auffällige Handlinien
Fehlbildungen innerer Organe, z. B. Herzfehler, Auffälligkeiten des Genitales und der Harnwege
Einzelne solcher Auffälligkeiten findet man jedoch auch bei nicht-alkoholgeschädigten Kindern.
Nicht alle genannten Auffälligkeiten kommen bei allen Kindern mit fetalem Alkoholsyndrom gleichzeitig vor. Nur eine Kombination verschiedener dieser Auffälligkeiten verbunden mit der Alkoholanamnese der Mutter lassen die Diagnose "fetales Alkoholsyndrom" zu. Je nach Menge der Auffälligkeiten unterscheidet man drei verschiedene Schweregrade, wobei Kinder mit dem Grad I eventuell nur Verhaltens- und Entwicklungsauffälligkeiten zeigen, während Kinder mit dem Schweregrad III schon äußerlich durch die typische Gesichtsbildung auffallen und in ihrer Intelligenz i. d. R. stark beeinträchtigt sind.
Welche Mengen Alkohol sind in der Schwangerschaft bedenklich?
Bislang ist ungeklärt, ob gelegentlicher Alkoholgenuß in der Schwangerschaft völlig ungefährlich für die Entwicklung des Kindes ist. Zweifelsfrei steht aber fest, daß der regelmäßige Konsum größerer Alkoholmengen zu einem fetalen Alkoholsyndrom führen kann (aber nicht muß). Es bringen somit nicht alle alkoholabhängigen Mütter Kinder mit einer ausgeprägten Schädigung zur Welt. Das Risiko steigt aber mit zunehmender Dauer und dem Schweregrad der Alkoholkrankheit der Mutter. In der chronischen Phase des Alkoholismus sind über 40 % der Nachkommen meist schwer geschädigt.
Zwischen der täglich getrunkenen Menge Alkohol und dem Schweregrad der Schädigung des Kindes kann man noch keine feste Beziehung festlegen. Wenig trinkende Mütter haben z.T. schwer geschädigte Kinder geboren, andererseits gab es viel und exzessiv trinkende Mütter, die kaum oder nur leicht geschädigte Kinder zur Welt brachten. Offensichtlich gibt es hier, wie auch für andere Folgen des Alkoholismus, unterschiedliche Empfindlichkeit für die Folgen des Alkohols. Tendenziell läßt sich aber schon sagen, daß exzessives Trinken gefährlicher ist als weniger starkes.
Da man keinen Grenzwert festlegen kann, unter dem Alkohol sicher nicht schädigend wirkt, sollte man möglichst während der Schwangerschaft darauf verzichten. Besonders gefährlich ist jedoch das regelmäßige Trinken von Alkohol, dabei sollte man auch an alkoholhaltige "Stärkungsmittel" und Medikamente (z. B. Homoiopathica, bei denen die Verdünnungen mit Alkohol durchgeführt werden!) denken.
Wie ist die Prognose alkoholgeschädigter Kinder?
Nachuntersuchungen alkoholgeschädigter Kinder ergaben, daß die äußerlichen Auffälligkeiten und Fehlbildungen - insbesondere im Gesicht - mit zunehmendem Alter weniger ausgeprägt werden. Auch bezüglich Intelligenz und Sprachentwicklung zeigen sich mit zunehmendem Alter bei einigen Kindern deutliche Verbesserungen, wobei allerdings schwer betroffene Kinder kein normales Niveau erreichen und geistig retardiert bleiben. Selbst Kinder mit einem leichten fetalen Alkoholsyndrom (Grad I) besuchen später häufig keine normalen Schulen.
Auch die Verhaltensauffälligkeiten wie z. B. Ungeschicklichkeit, Eßprobleme, Probleme im Umgang mit Geschwistern etc. können sich im Laufe der Zeit zurückbilden, wobei jedoch Hyperaktivität und leichte Ablenkbarkeit meist erhalten bleiben. Wahrscheinlich sind Verhaltensauffälligkeiten auch häufig durch das soziale Umfeld mitbedingt, so daß die Besserung u. U. auf verbesserte Verhältnisse in Pflege- und Adoptivfamilien als auf einen Rückgang des alkoholbedingten Hirnschadens zurückgeführt werden kann.
Niedrige Körpergröße und -gewicht gleichen sich mit zunehmendem Alter in der Regel aus, während die Kopfgröße meist unterdurchschnittlich bleibt.
Zusammenfassung:
Übermäßiger, vor allem aber regelmäßiger Alkoholgenuß in der Schwangerschaft beinhaltet das Risiko, das ungeborene Kind zu schädigen. Die Symptomatik beim Kind korreliert nicht unbedingt mit dem Trinkverhalten der Mutter. Die Schädigung führt häufig zu einer bleibenden Beeinträchtigung der Hirnfunktionen.
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Dr. B. Ziegler - Facharzt für Laboratoriumsmedizin - Transfusionsmedizin - Umweltmedizin
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