Technology Review über das Geschäft mit Gentests
Die falschen Versprechen der Gendiagnostik
Hannover (ots) - Während in Deutschland die Experten noch
diskutieren, brummt im Ausland schon das Geschäft mit Gentests. Doch
die Untersuchungen halten nicht, was sie versprechen. Genforscher
schütteln über die teilweise im Internet angebotenen Tests nur den
Kopf, schreibt das Technologiemagazin Technology Review in der
aktuellen Ausgabe 4/2005.
Schon für 199 Euro soll man das genetische Risiko für einen
Herzinfarkt anhand von sieben Genen untersuchen lassen können. Dabei
schätzen Genforscher die Anzahl der beteiligten Gene auf 200. Der
Einfluss von Rauchen, Fehlernährung und Bewegungsmangel ist zudem
überwältigend. Klaus Zerres, Leiter des Instituts für Humangenetik in
Aachen, stellt fest, dass man schlicht nicht wisse, welche Gene in
welchem Ausmaß zu koronaren Herzerkrankungen beitragen. Ein Vorteil
durch das Testen einzelner Gene sei bislang nicht einmal bewiesen.
Die Gendiagnostik hat in den vergangenen Jahren eine steile
Karriere durchlaufen. Dank vollautomatischer Sequenzierung und
Chiptechnologie werden Gentests immer schneller und billiger. Den
Schlagzeilen vom "Alkoholismus-Gen" oder einem Gen, das Schizophrenie
verursachen soll, folgen zwar schnell Dementis, dennoch werden in
Deutschland heute jährlich 90.000 Gentests durchgeführt, Tendenz
steigend. Der Blick ins Erbgut interessiert bereits Arbeitgeber, und
Versicherungen melden ihr Interesse an.
Derzeit kann man in Deutschland mit 2448 verschiedenen Gentests
554 verschiedene Krankheiten ergründen, beinahe täglich werden es
mehr. Die meisten davon betreffen allerdings seltene Erbkrankheiten
wie Chorea Huntington, die von einer einzigen Abweichung in einem
bestimmten Gen hervorgerufen werden. Nur in wenigen Fällen ist ein
solches monogenes Merkmal in der Bevölkerung so häufig, dass die
Suche auch ohne einen konkreten Verdacht Sinn macht.
Andere Krankheiten hingegen werden von einer Vielzahl unabhängiger
Genvarianten begünstigt, die sich womöglich untereinander
beeinflussen und zudem noch mit der Umwelt wechselwirken. Trotz hoher
Verbreitung in der Bevölkerung ist der Einfluss des einzelnen Gens
auf das Krankheitsbild dabei nur gering. Deshalb werden Gentests für
häufig auftretende Krankheiten bislang vor allem von denjenigen
empfohlen, die damit Geld verdienen. Ärzte, die mit ihrer
Beratungspflicht sorgsam umgehen, erklären ihren Patienten, wenn ein
Gentest gar nicht sinnvoll ist. (thv)
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