Köln (ots) - "Auch unheilbar kranke Menschen können ihr Leben bis
zuletzt als lebenswert empfinden, wenn sie professionell betreut
werden, Zuwendung erfahren und nicht alleine gelassen werden. Durch
eine gute Kontrolle der körperlichen Symptome fassen viele Menschen
in solch auswegloser Lage neuen Lebensmut und Kraft zum Weiterleben."
Darauf hat heute der 106. Deutsche Ärztetag in Köln hingewiesen.
Unter dem Eindruck der Euthanasie-Gesetzgebung in den Niederlanden
und Belgien sprachen sich die Ärzte dafür aus, die Palliativmedizin
und Schmerztherapie zu fördern und zu stärken. Zudem bekräftigten sie
ihre Ablehnung der aktiven Sterbehilfe und Hilfe zur Selbsttötung,
die sie als unethisch und unärztlich betrachten. Dr. Ursula
Auerswald, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, machte in ihrer
Rede darauf aufmerksam, dass es in Deutschland sowohl in der
Bevölkerung als auch innerhalb der Ärzteschaft eine Tendenz gibt,
aktiver Sterbehilfe zuzustimmen. "Studien belegen, dass dies häufig
aus Unkenntnis über die Möglichkeiten der Palliativmedizin erfolgt",
sagte Frau Auerswald.
Die Erfahrungen der Palliativstationen in Deutschland und in den
anderen Ländern haben gezeigt, dass Palliativmedizin den Patienten
Geborgenheit und Hilfe bietet und neue Maßstäbe in der Betreuung und
Versorgung schwerstkranker Patienten setzt. Der Ärztetag kritisierte
allerdings, dass das neue Vergütungssystem in den Krankenhäusern nach
diagnosebezogenen Fallpauschalen (DRG) die Palliativmedizin nicht
sachgerecht abbilden könne und den Betrieb von Palliativstationen
gefährde. Um die hohe Versorgungsqualität Schwerkranker und
Sterbender zu erhalten, forderte der Ärztetag, die DRG-Systematik für
den stationären Bereich zu ändern oder eine Sonderregelung für die
adäquate Finanzierung der Palliativmedizin am Krankenhaus zu finden.
"Die Behandlung und Betreuung von todkranken Menschen muss frei sein
von ökonomischen Erwägungen. Diese Menschen brauchen unser ganzes
ärztliches Können, unsere Zuwendung und Mitmenschlichkeit", erklärte
Frau Auerswald.
Der Umgang mit Menschen, für die es keine kurativen Therapien mehr
gibt, ist mit große physischen, psychischen, sozialen und seelischen
Belastungen verbunden - sowohl für die Patienten selbst als auch für
die Angehörigen und die behandelnden Personen. Aus diesem Grund sei
es wichtig, eine Lebensperspektive für Patienten mit einer nicht
heilbaren, weit fortgeschrittenen und fortschreitenden Erkrankung und
begrenzter Lebenserwartung zu entwickeln, befanden die Delegierten.
Auch wenn die Palliativmedizin mit der jüngsten Reform des
Medizinstudiums in die Approbationsordnung aufgenommen wurde, hängt
es immer noch vom Engagement der einzelnen medizinischen Fakultäten
ab, ob palliativmedizinische Inhalte auch prüfungsrelevant sein
können. "Obwohl die Palliativmedizin eindrucksvoll in Bewegung
geraten ist, existieren nur zwei Lehrstühle für Palliativmedizin an
den deutschen Universitäten", gab Gastredner Prof. Dr. Eberhard
Klaschik, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin,
in seinem Vortrag zu bedenken. Auch in Zukunft werde vermutlich nur
ein kleiner Teil der Medizinstudenten mit den Grundlagen der
Palliativmedizin vertraut gemacht, befürchten auch die
Ärztevertreter. Die Bundesärztekammer fordert deshalb von der Politik
die Anerkennung der Palliativmedizin als Querschnittsbereich in der
Approbationsordnung und mögliches Wahlfach für die Zulassung zur
ärztlichen Prüfung.
Überdies plädierten die Ärztevertreter für eine Auflösung der
starren Trennung von stationärer und ambulanter Behandlung in der
Regelversorgung. Nur so sei es möglich, eine möglichst reibungslose
Versorgungskette mit einer optimalen interdisziplinären und
multiprofessionellen Zusammenarbeit aufzubauen, die Menschen mit
schweren und unheilbaren Erkrankungen benötigten. "Durch die
Einbindung ambulanter Palliativdienste als Unterstützungssysteme für
niedergelassene Ärzte, Pflege- und Hospizdienste könnten statt wie
bisher nur 30 Prozent in Zukunft ca. 60 bis 80 Prozent aller
Krebspatienten bis gut zum Tod versorgt zu Hause leben", erläuterte
Dr. Thomas Schindler, Sekretär der Deutschen Gesellschaft für
Palliativmedizin, vor dem Ärztetag.