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Chaos im Kreislauf

Nürnberg (ots) - Von Blutergüssen übersät und aufgequollen: Wer diesen Anblick einmal erleben musste, vergisst ihn nie wieder. Und doch ist er Alltag auf der Intensivstation, wenn es zur schweren akuten Blutvergiftung, der Sepsis, kommt. In Europa kann man die Anzahl der Toten nur schätzen: fast 400 Patienten täglich - Tendenz steigend. Trotz jüngster Therapiefortschritte sind dringend neue Behandlungskonzepte gefragt. Eines davon erforscht Dr. Andreas Oberholzer vom Berliner Universitätsklinikum Charité. Seine Leistungen werden jetzt mit einem Graduierten-Stipendium der Nürnberger Novartis-Stiftung für therapeutische Forschung gewürdigt.

Auslöser der Sepsis ist eine zunächst begrenzte Infektion mit Bakterien, Viren oder Pilzen - beispielsweise eine Lungen- oder Nierenbeckenentzündung. Allerdings verbreitet sich die Infektion über das Blut binnen Stunden wie ein Lauffeuer im gesamten Körper. Der in den Körper eingedrungene Feind stößt eine katastrophale Kettenreaktion an, wobei eine Flut unterschiedlicher Botenstoffe freigesetzt wird, die große Mengen Abwehrzellen anlocken und auch gesundem Gewebe die Selbstzerstörung befehlen. Dann läuft die Immunabwehr Amok, die Blutgerinnung spielt verrückt, Flüssigkeit tritt aus lecken Gefäßwänden ins Gewebe. Immer mehr Blutgerinnsel verstopfen feinste Äderchen. Der Kreislauf bricht zusammen, der Blutdruck fällt so stark, dass Nieren, Leber und Gehirn den Dienst versagen - selbst wenn Antibiotika möglicherweise die ursprüngliche Infektion längst in Schach halten.

Einer der entscheidenden Botenstoffe in diesem biochemischen und zellulären Chaos heißt Interleukin-18 (IL-18), wie Oberholzer und seine Kollegen von der Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie der Charité in mehreren Studien festgestellt haben. Mehr noch: Je höher die Blutkonzentrationen von IL-18, desto schwerer die Sepsis. Zudem sind die Blutlevel des Botenstoffes nach Infektionen mit "Gram positiven" Bakterien höher als nach Infektionen mit "Gram negativen" Bakterien.

Die Freisetzung von IL-18 ins Blut wird von bestimmten Enzymsystemen reguliert. Dazu gehören auch die so genannten Kaspasen, deren Aktivität das Team um Oberholzer nun bremsen will. Doch Tests der Berliner Forscher mit Substanzen, die die Funktion von Kaspasen hemmen, brachten keine eindeutigen Ergebnisse. Deshalb verfolgt der Preisträger jetzt einen neuen therapeutischen Ansatz über eine spezifische Gentherapie. Dabei bauen die Wissenschaftler das Gen für einen "Kaspase-1-Inhibitor" in ein entschärftes Virus ein, das genau jene Immunzellen befallen soll, die IL-18 bei der Sepsis produzieren. Dieses System soll nun im Tierversuch getestet werden.

Die Novartis-Stiftung für therapeutische Forschung in Nürnberg gehört zu den ältesten und größten Unternehmensstiftungen in Deutschland. Ihr Stiftungsvolumen umfasst jährlich etwa 650.000 Euro.


[17.06.2004] Quelle: Novartis Pharma GmbH
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