HIV und Aids in Russland: Kinder werden zu Unberührbaren
Neugeborene ohne Förderung und Zuwendung; "Zahl geht in die Tausende"
Duisburg/St. Petersburg (ots) - In Russland wachsen immer mehr
Neugeborene isoliert und ohne jede Förderung in Krankenhäusern auf.
Das betonte Dr. Evgeny E. Voronin, leitender Arzt einer staatlichen
Kinderklinik in St. Petersburg, gegenüber Christina Rau. Die Frau des
Bundespräsidenten hatte sich kürzlich über Projekte für Kinder in St.
Petersburg informiert. Sie engagiert sich im Stiftungsrat der
Kindernothilfe.
Die steigende Anzahl von verwahrlosten Kindern ist auf die rapide
anwachsende HIV-Infektionsrate bei Schwangeren zurückzuführen;
Russland hat nach Angaben von UNAIDS die höchsten HIV-Zuwachsraten
weltweit. Hauptübertragungsweg sind infizierte Spritzen. Die meist
drogensüchtigen Frauen lassen die Kinder nach der Entbindung in den
Kliniken zurück, weil sie ohne Hilfestellungen der Mutterschaft
völlig überfordert gegenüber stehen. Nach Schätzungen von Voronin
werden bald Tausende dieser Kinder landesweit die Kliniken füllen.
Für die Neugeborenen der Beginn einer Kindheit ohne Zuwendung,
Fürsorge und Förderung.
Detlef Hiller, Leiter der Osteuropa-Abteilung der Kindernothilfe:
"Bei meinem Besuch in St. Petersburg habe ich eine Station mit 25
Kindern besucht. Einige von ihnen waren bereits seit 18 Monaten dort.
Niemand kümmerte sich um sie. Einige ältere wurden aus dem Bettchen
geholt und krabbelten über den dunklen Flurgang. Eine Mitarbeiterin
erzählte mir, dass man im Sommer versucht habe, die Bettchen einiger
Kinder in einen sonnendurchfluteten Raum zu stellen. Das gab ein
solches Geschrei, dass man sie wieder zurückholen musste. Die Kinder
hatten die Sonne noch nie gesehen und hatten Angst vor der
Helligkeit."
18 Monate dauert es in der Regel, bis man mit einem
Antikörper-Test bei Neugeborenen nachweisen kann, ob sie selber
infiziert sind oder nicht. In der Regel bleiben die Kinder aber die
ersten drei Lebensjahre auf diesen Stationen. Angst regiert in
Russland, wenn es um HIV und Aids geht, so Voronin. Aus Unkenntnis
über die Infektionswege und mangelnde Aufklärung behandelten die
meisten Pflegekräfte die zurückgelassenen Kinder wie Unberührbare.
Dabei sind nur rund ein Drittel aller Neugeborenen einer
HIV-infizierten Mutter selber mit dem Virus infiziert. Die
Kindernothilfe unterstützt mehrere Projekte für behinderte,
verwahrloste und obdachlose Kinder in St. Petersburg. Zur Zeit
recherchiert sie Hilfsprojekte für die auf den Säuglingsstationen
zurückgelassenen Mädchen und Jungen.
Fernsehtipp: Von den Zuständen in russischen Kinderkliniken können
sich deutsche Fernsehzuschauer nun auch selbst ein Bild machen. Ein
Team der ZDF.reporter hat den Kinderarzt E. Voronin begleitet und
konnte als erstes deutsches Team auf einer solchen Säuglingsstation
drehen. Dort wurden allein im September 38 Mädchen und Jungen von
ihren Müttern zurückgelassen.
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